BRIEF #191

Lieber A., Deine S.

Lieber A.,

der Vater meines besten Freundes ist vor einigen Tagen gestorben.

Mein Freund war vorbereitet. Der Vater war krank und auch nicht mehr der Jüngste und doch war die Nachricht ein Schlag.

Die Endgültigkeit kann man nicht begreifen. Die Endgültigkeit will man nicht akzeptieren.

Jetzt ist er weg.

Wie auch immer die Beziehung war, wie absehbar ein Tod ist, wie friedlich die Umstände auch sein mögen:

Der Tod eines nahen Menschen tut verdammt weh.

Mit dem Tod eines Vaters bricht eine Wand ein, die den Schutz vor dem eigenen Ende markiert, oder?

Jetzt steht mein Freund da, keine Generation ist mehr schützend vor ihm.

Auf der anderen Seite: Keiner steht in der Sichtachse – freie Sicht. Aber worauf?

Teilt man das eigene Leben in die Zeit, als die Eltern gelebt haben und als sie tot waren? Machst du das?

Mein Freund ist selbst Vater.

Was macht das jetzt mit den Rollen, wenn der Großvater weg ist. Bleibt eine Lücke oder geht etwas über?

Übernimmt der Sohn Züge des fehlenden Vaters, als würde er dessen Rolle im Familiensystem übernehmen?

Ist das Familiensystem überhaupt noch existent?

Meine Gedanken gehen im Kreis, mein Herz ist schwer.

Ich mache Pause und gehe eine Runde. Ich denke an meinen Freund und dann an meinen Vater. Wie schön, dass ich sie habe.

Pass auf dich auf!

Deine S.

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Ein fiktionalisierter Briefwechsel über den Tod und das Sterben von Andreas Kaufmann und Sabrina Zwach