BRIEF #186

Lieber A., Entweder Du lebst oder du du bist tot. Aber halt, denke ich mir, das stimmt doch auch nicht, denn auch hier gibt es unglaublich viel dazwischen. Deine S.

Lieber A.,

die Stimmung ist schlecht. Die Party kommt nicht (mehr) in Gang. So scheint mir die Gesamtsituation gerade zu sein.

Alles kippt. Der Rausch ist weg, der Kater auch, es gibt lediglich Nebenwirkungen und Folgeschäden von einem langen Rausch. So fühlt es sich an.

Es wird so getan, als könnte man immer zwischen genau und nur zwei Dingen wählen. Basta. Selbstverständlich ist das Quatsch, weil alles viel komplexer ist als rechts oder links, unten und oben, rein oder raus, ja oder nein. Es gibt immer so unglaublich viel dazwischen. Aber das ist eben unglaublich schwer zu erfassen oder eben anstrengend in der Auseinandersetzung. Und dann denke ich an unser Thema, an Leben und Tod und ja, das ist ein radikales Duo. Entweder Du lebst oder du du bist tot. Aber halt, denke ich mir, das stimmt doch auch nicht, denn auch hier gibt es unglaublich viel dazwischen. Kleine Dinge, Prozesse, Entwicklungen, Nuancen. Ich spüre die kleinen Dinge manchmal oder ich sehe sie. Du vielleicht auch? Die Haare sind grau, der Körper verändert, verlangsamt, mit anderem Schwerpunkt, er riecht anders, klingt anders. Das beruhigt mich beinahe. Die Gewissheit, dass es nicht so einfach ist und dass es Zwischenräume gibt.

Die Stimmung wird schlagartig besser. Nicht gesamtgesellschaftlich, aber hier bei mir.

Ich schicke Dir also Hoffnung.

Die Droge der Zeit.

Pass auf sie auf.

Deine S.

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Ein fiktionalisierter Briefwechsel über den Tod und das Sterben von Andreas Kaufmann und Sabrina Zwach