BRIEF #185
Liebe S., Herz und Mund und Tat und Leben. Jetzt heißt es wirklich aufpassen. Dein A.

Liebe S.,
wir kommen aus dem Kino.
Vaterland.
Thomas Mann bereist, begleitet von seiner ältesten Tochter Erika, 1949 das geteilte Deutschland, das vier Jahren nach Ende des Krieges in Trümmern liegt. Sowohl in Frankfurt am Main als auch in Weimar wird er mit großem Bahnhof empfangen und darf zu Ehren Goethes und zu seiner eigenen feierliche Reden halten.
Der berühmte alte Schriftsteller ist zum ersten Mal seit der Emigration der Familie 1933 wieder in seiner Heimat. Auf der Pressekonferenz fragt eine englischsprachige Journalistin, was er denen entgegnen möchte, die ihm ankreiden, fortgegangen zu sein und das Schicksal seiner Landsleute nicht geteilt zu haben. Dann säßen wir uns heute hier nicht gegenüber, antwortet der regungslose Nobelpreisträger.
Vaterland. Und Muttersprache. Ein geteiltes Land. In den Festsälen mit den handverlesenen Zuhörern die gleichen leeren Gesichter. Alle haben einen Preis zu zahlen. Hier wachen die Amerikaner, dort die Sovjets. Auf der einen Seite scheinen alle mit mit ihrem eigenen Weg beschäftigt zu sein, auf der anderen wird derweil ein neuer Staat aus der Taufe gehoben. Nur wenige Monate später wird die Deutsche Demokratische Republik ausgerufen. Ein Kinderchor singt dem großen Dichter bereits ‚Auferstanden aus Ruinen‘, das gleich danach zur neuen Nationalhymne werden wird.
Zusammengehalten scheint das Bild von der letzten Einstellung, die Thomas Mann mit Tränen in den Augen in einer zerstörten Kirche auf dem Land zeigt. Hier wird die Orgel gestimmt und der Organist spielt ‚Jesus bleibet meine Freude‘ aus der Kantate ‚Herz und Mund und Tat und Leben‘. Ein Bach für alle.
Cut.
Ich konnte diesen Film nicht anschauen, ohne immer wieder an die Fratzen zu denken, die wir zwei Tage zuvor, am Sonntagabend, ab 18:00 Uhr auf den Bildschirmen anstarren mussten. Die Fratzen, die uns im hämischen Siegesrausch erklärten, das so nun mal Demokratie sei. Die Fratzen, die uns wissen lassen wollen, dass von jetzt an alles möglich ist.
Und da ich diese Zeilen schreibe, meldet sich der amtierende amerikanische Präsident in den Medien und gratuliert mit den Worten ‚Make Germany Great Again’ zum großen Wahlsieg.
Herz und Mund und Tat und Leben. Jetzt heißt es wirklich aufpassen.
Dein A.
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Briefe vom Anfang über das Ende
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Ein fiktionalisierter Briefwechsel über den Tod und das Sterben von Andreas Kaufmann und Sabrina Zwach
