BRIEF #187
Liebe S., Würdest Du von einem Menschen, den Du ganz besonders magst, von heute auf morgen Abschied nehmen oder hättest Du ihn lieber gar nie kennengelernt. Dein A.

Liebe S.,
Montagmorgen. Das neue Schuljahr ist gerade mal eine Woche frisch. Es wird langsam Herbst. Der schöne Herbst. Wir warten drauf, dass endlich die ersten Kastanien am alten Baum vor unserer Kirche fallen.
Ich gehe mit meiner Jüngsten früh am Morgen zur Schule. Jetzt ist sie schon in der dritten Klasse.
Wenn Du Dich entscheiden müsstest … die Kinder mögen diese Entwederoderfragen. Würdest Du von einem Menschen, den Du ganz besonders magst, von heute auf morgen Abschied nehmen oder hättest Du ihn lieber gar nie kennengelernt.
Mein Versuch, die Parameter in Frage zu stellen, ist zu plump. Ich versuche bloß, Zeit zu gewinnen. Nur will mir das nicht lange gelingen. Denn meine Tochter dreht den Spieß um und verlangt, dass ich ihr die gleiche Frage stellen möge. Nur um mir dann gleich und klipp und klarzumachen, dass die Antwort ja ganz einfach und leicht sei.
Also zieht sie ihre ewige Freundin, unzertrennlich seit frühesten Kindergartentagen, ins Zentrum der Entscheidung. Zum einen würde eine sofortige Trennung einen möglichen Abschied zum Ende des vierten Schuljahres vorwegnehmen. Dann nämlich, wenn sich die beiden vielleicht für den Besuch verschiedener höherer Schulen entscheiden. Schmerz sofort.
‚Und dann haben wir auf jeden Fall viele tolle Jahre miteinander verbracht. Da gibt es doch keine andere Wahl.‘
Schulwegphilosophie gleich nach dem Frühstück. Wieder was dazugelernt. An jedem einzelnen Tag kommt auf unserem gemeinsamen Gang Schlaues, Bemerkenswertes, Aufschreibbares heraus. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr ich diese Gespräche genieße und unseren Austausch schätze. Weil ich weiß, dass auch diese Zeit zu Ende gehen wird.
Hört, hört. So dankbar,
Dein A.
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