BRIEF #179
Liebe S., Dein A.

Liebe S.,
98 Jahre alt ist sie geworden. Und dann zufrieden und ruhig eingeschlafen.
Ihre Tochter war bei ihr. Ihre Tochter war eine intensive letzte Zeit bei ihr. Heimgekommen aus den USA. Sie war mal meine Freundin und ich habe mich gefreut, dass sie mich auch gleich über das Ableben ihrer Mama in Kenntnis gesetzt hat. Und natürlich bin ich zur Beerdigung gegangen.
Der Bruder war nicht da. Auch nicht ihr Mann. Und die Söhne nicht. Alle auf der anderen Seite des großen Teichs. Nur ich. Als Hiergebliebener. Und soviel Dorf, dass die Aussegnungshalle ordentlich besetzt war.
Ich wusste schon, dass uns Trauergäste eine ‚Eulogy‘ erwarten würde. So nennen sie in den Staaten eine Abschiedsrede, die von einem Angehörigen oder eine anderen nahestehende Person gehalten wird.
Und wie gut sie die gehalten hat. Showtime. Blendend hat sie ausgesehen. Mehr chic als traurig. Und tatsächlich kam es mir urplötzlich so vor, als würde sie leicht lispeln. Das war mir neu. Solch eine Ansprache zum Abschied der eigenen Mutter muss man halten wollen. Und muss man halten können.
Die Trauergemeinde war gebannt.
Und ich hatte das Bild vom reichen Onkel aus Amerika im Kopf, der sich einst aufgemacht hatte, um später als gemachter Mann heimzukehren, um den bekannten Gesichtern in die offenen Münder zu blicken.
Und natürlich dachte ich auch daran, dass dieses Amerika nunmehr ein anders Amerika ist. Irgendwie.
Und was es mit diesem Lispeln auf sich hat.
Später im Wirtshaus unten an der Hauptstraße wurden lustige Geschichten erzählt. Durstig von ihrer Eulogy hat sich die stolze Rednerin den Schluck Bier, den sie aus meinem Glas nehmen wollte, gleich über‘s kleine Schwarze geschüttet. Nach 98 Jahren darf der Abschiedstag ruhig auch mal fröhlich ausklingen.
Ich komme wieder, rief sie denen, die sich verabschiedeten, entschlossen zu. So auch mir. Das können wir glauben.
Und auf dem Heimweg fiel mir auf, dass sie abseits der Bühne gar nicht gelispelt hat.
Du weißt von wem ich schreibe,
Dein A.
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