BRIEF #180
Lieber A., Deine S.

Lieber A.,
ich komme aus einem nicht-gläubigen, nicht religiösen Elternhaus. Beide Eltern waren nicht in der Kirche. Ausgetreten.
Beide Eltern schimpften auf die Institution Kirche, auf die Scheinheiligkeit der Institution, auf den Machtmissbrauch, die Übergriffigkeit, die Engstirnigkeit, die männliche Dominanz.
Ersatzreligionen gab es dennoch genug im Elternhaus: die Kraft der Kunst, die unbedingte Notwendigkeit der Auseinandersetzung und Kommunikation, die Lust am Rausch.
Aus einer Angst heraus, dass die Kinder dieser Eltern also mein Bruder und ich extreme oder orthodoxe Christen werden könnten – da Kinder natürlich trüffelschweinmässig immer dort graben, wo sie ein Defizit vermuten – ließen unsere Eltern uns taufen und so mussten wir den Religionsunterricht besuchen. Für mich war das eine Herausforderung. ich verstand nichts von dem, was da gesprochen wurde. Ich hatte keinerlei Vorkenntnisse. Also stellte ich Fragen. Die nervten scheinbar alle. Kurz vor dem Abitur brachte mir das einen dreitägigen Schulausschluss mit der Begründung "renitente Fragen im Religiosnunterricht" ein. Höchststrafe. Ich besuchte das altsprachliche Gymnasium. Schulausschluss war eben Höchststrafe und gleichzeitig Heiligsprechung. Hier natürlich aus Elternperspektive gesprochen. Jedenfalls wurde mir im persönlichen Gespräch, das zur Wiederaufnahme in den Schulbetrieb geführt wurde mitgeteilt, dass Gott alles sähe und ich jetzt eben damit (womit ließ man im Unklaren) leben müsse. Ich konnte ganz gut damit leben und trat dann wenige Wochen nach meinem bestandenen Abitur aus der Kirche aus. Auch dies erforderte ein persönliches Erscheinen. Ich trug mein Anliegen vor und die Dame auf der anderen Seite des Schreibtisches teilte mit mit, dass meinem Wunsch – die Kirche zu verlassen – stattgegeben würde, ich aber nicht zu glauben brauche, dass ich in der Not wieder angekrochen kommen könne. Gott sähe aber alles. Da war er wieder, der Satz. Offensichtlich eine eingeübte Strategie der Einschüchterung, dachte ich bei mir und ging von dannen.
Nun besuchte ich vor wenigen Tagen einen wunderschönen Friedhof, um eine mir nahstehende Tote zu besuchen.
Und da war er wieder, der Satz. Auf den leuchtend orange- und pinkfarbenen Gieskannen stand er mit Edding geschrieben: Gott sieht alles.
Aha, dachte ich. Das geht also an die potentiellen Gieskannen-Diebe? Oder an die Toten die besucht und deren Gräber gegossen werden?
Gott sieht alles. Sieht er die Scheinheiligkeit, den Missbrauch, die männliche Dominanz? Sehen alleine nützt nichts. Man müsste eben auch Konsequenzen entwickeln, oder?
Oder ist das schon wieder eine renitente Frage?
Hilf mir!
Anbei die Beweisfotos
Pass auf dich auf!
Seine S.
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Ein fiktionalisierter Briefwechsel über den Tod und das Sterben von Andreas Kaufmann und Sabrina Zwach


