BRIEF #177
Liebe S., Die einen sagen Chillen, die anderen meinen Müßiggang. Ob wohl alle das Gleiche meinen? Dein A.

Liebe S.
Deine Worte über Worte sind sind bei mir auf offene Augen und Ohren gestoßen.
Denn auch ich erlebe das Verschwinden von guten Worten. Und auch das Vergessen von Bonmots. Vielleicht kann es gar nicht anders sein, denke ich dann. Warum soll ausgerechnet die Sprache vom Fortschritt und vom Zeitgeist und von der Gleichgültigkeit verschont bleiben. Da freut es mich schon spitzbübisch, wenn meine Mädchen hin und wieder Wörter benutzten, die sie eigentlich gar nicht parat haben dürften. Vielleicht habe ich viel vorgeplappert.
Und so hängen wir ein Leben lang zwischen Schriftdeutsch und Perlen des Dialektes, zwischen Anglizismen und Werbeslogans, zwischen dem bisschen Französisch und Neuigkeiten, die Kinder mit nach Hause bringen.
Die einen sagen Chillen, die anderen meinen Müßiggang. Ob wohl alle das Gleiche meinen? Sprache kann trennen, aber mehr noch verbinden. Hüten wir uns also bloß vor der Sprachlosigkeit. Denn sonst sind wir bald mutterseelenallein, um das wunderbare Wort aufzugreifen, das Du mir zugeschrieben hast.
Hoffentlich können wir, wie unlängst, bald wieder im Garten Deiner Eltern beisammensitzen. Und mit Worten spielen. Weil es gut tut.
Nimm‘s wörtlich,
Dein A.
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