BRIEF #176
Lieber A., Es gibt keinen Friedhof für Worte. Deine S.

Lieber A.,
den Traum vom Fussball-Sieg musstest du wohl beerdigen, oder? Ich will gar nicht auf der Wunde herumtrampeln. Ich schreibe Dir:
weil ich trauere, aber heute schreibe ich Dir nicht über meine Trauer um einen Menschen. Nein, es ist etwas anderes, das mich in letzter Zeit beschäftigt, etwas, das so still stirbt, dass man es gar nicht bemerkt: Worte. Es handelt sich um Worte!
Ich habe neulich in einem alten Brief das Wort sehnlich gelesen, den habe ich gefunden, als wir das Haus meiner Schwiegermutter ausräumen mussten. Das war ohnehin schon traurig genug. Also dann habe ich diesen Brief gefunden und überflogen und habe das sehnlich gefunden, dieses gedehnte, sehnsüchtige sehnlich?
Das Wort ist irgendwie tot, gestorben. Oder? Wie betrauert man das? Es gibt keinen Friedhof für Worte. Kein Datum, kein Kreuz. Sie verschwinden einfach, zuerst aus dem Mund, dann aus dem Ohr, zuletzt aus der Vorstellung. Mutterseelenallein – wann hast Du das zuletzt gehört?
Ich glaube, Wörter sind anders als Menschen, aber sie sterben ähnlich. Zuerst werden sie seltener gebraucht. Dann nur noch von alten Leuten oder in Büchern. Dann nur noch in Büchern. Dann gar nicht mehr, außer von jemandem wie mir, der in alten Dingen wühlt.
Vielleicht ist das der eigentliche Verlust: nicht das Wort selbst, sondern die Empfindung, für die es stand. Wenn das Wort geht, geht auch ein kleines Stück der Möglichkeit, etwas zu fühlen, für das es keinen anderen Namen gibt. Ich weiß nicht, ob das eine Trauer ist, über die man reden darf. Sie klingt nach Grübelei, nach Schrulligkeit, nach zu viel Zeit mit alten Dingen.
Schreib mir bald und benutze doch, wenn Du willst, ein altes Wort. Irgendein. Nur um es einmal noch zu lesen.
Pass auf Dich auf!
Deine S.
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