BRIEF #157
Lieber A., Die Weihnachtstage sind auch Bilanztage. Deine S.

Lieber A.,
das wird der letzte Brief in diesem Jahr sein, den ich Dir schreibe. Weihnachten steht vor der Tür und damit auch ein Rückzug.
Ich freue mich auf die kommenden Tage, darauf, dass die Zeit in einem anderen Takt verklingt, dass alle und alles einmal inne hält.
Ich weiß, dass Viele das anders sehen und Weihnachten furchtbar finden. Das tut mir Jahr für Jahr Leid, für all diejenigen, die an den Tagen leiden, aber für mich ist es dennoch herrlich.
Ich genieße die Tage, die vor sich hin schweben. Wochentage verschwimmen und Daten sind nicht mehr relevant.
Der Herd, die Küche wird zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Das Draußen wird klein. Das Zusammensein groß.
Ich bin allerdings die Einzige in der Familie, die Jahresrückblicke gerne sieht. Die Weihnachtstage sind auch Bilanztage. Was ist passiert, wer war mir nah, wohin bin ich gereist, mit wem, was habe ich gearbeitet, gedacht, gelesen, gelernt, wen hab ich vermisst und was ärgert mich? Das sind so Fragen, die dann durch mich fließen. Und dann kommt auch die Frage, wen ich verloren habe? Wer ist gestorben? Je älter ich werde, je größer wird die Zahl derjenigen, die gestorben sind. Es ist so. Traurig aber wahr.
Und Dir, lieber A., dir will ich danken, für all die Briefe, die du mir geschrieben hast in diesem Jahr.
Im neuen Jahr geht es weiter. Ich freue mich darauf von Dir zu lesen.
Es ist ein Ritual geworden und Ritaule sind mir heilig.
Ich danke Dir.
Frohe Weihnachten und pass auf Dich auf!
Deine S.
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