BRIEF #140
Lieber A., Lass uns eine kurze Pause einlegen. Luft holen. Lass uns das Leben nicht vergessen. Deine S.

Lieber A.,
ungefähr ein Jahr, nach dem mein Bruder gestorben war, kam ich mit meinen Eltern zusammen und wir verbrachten gemeinsam einige Tage. Wir waren noch immer traurig, jede und jeder für sich und gemeinsam, wir tauschten Anekdoten, wie Sammelkarten, verstummten wieder, manchmal weinten wir gemeinsam oder eine Person für sich. Alles drehte sich um den Tod.
Meine Tochter war dabei und besah sich das Treiben der Trauernden. Sie hatte Geduld. Sie besah sich das Ganze ja schon beinahe ein Jahr und dabei war sie noch so klein. Irgendwann war aber auch ihre Geduld zu Ende und sie dirigierte mit ihren kleinen Armen in der Luft das Ende, holte tief Luft und sagte: "So, jetzt ist mal Schluß mit der ganzen Töterei".
Wir schauten sie erstaunt an und lachten und weinten und erkannten, dass sie eine Pause brauchte, vom Trauern, vom Thema Tod und Sterben. Und so legten wir eine Pause ein. Und die Pause tat allen gut. Es war lediglich eine Pause. Eine kleine Pause, in der wir uns ein wenig erholten und uns ermahnten, das Leben nicht zu vergessen.
In diesem Sinne schreibe ich Dir heute.
Lass uns eine kurze Pause einlegen.
Luft holen.
Lass uns das Leben nicht vergessen.
Pass auf dich auf!
Deine S.
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Ein fiktionalisierter Briefwechsel über den Tod und das Sterben von Andreas Kaufmann und Sabrina Zwach

