BRIEF #130
Lieber A., Ich habe mich zum ersten Mal gefragt, was die Formel ist, mit der man bestimmen kann, ob das Kondolieren angebracht ist oder nicht?Deine S.

Lieber A.,
vor einigen Tagen ist ein Kollege, ein Freund gestorben. Er war eine bedeutende Persönlichkeit im deutschsprachigen Theater.
Nun habe ich mich zum ersten Mal gefragt, ob ich kondolieren darf. Ich habe mich zum ersten Mal gefragt, ob es unangemessen sein könnte, wenn ich der Familie mein Beileid ausspreche? Ich habe mich zum ersten Mal gefragt, was die Formel ist, mit der man bestimmen kann, ob das Kondolieren angebracht ist oder nicht? Gibt es die? Macht es die Nähe aus, die man zur verstorbenen Person hatte? Und gibt es einen Unterschied zwischen einer gefühlten und einer tatsächlichen Nähe? Kann das Kondolieren eitel oder egoistisch sein, oder ist es per se immer gut? Kann ich kondolieren, ausschließlich weil ich traurig bin, reicht das? Kann ich Nähe empfunden haben und die verstorbene Person nicht? Muss ich die Hinterbliebenen kennen? Kennst du solche Gedanken?
Ich habe mich am Ende dazu entschieden mein aufrichtig empfundenes Mitgefühl auszudrücken, weil es mir angemessen und richtig erschienen ist.
Es hat gut getan.
Pass auf Dich auf!
Deine S.
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Ein fiktionalisierter Briefwechsel über den Tod und das Sterben von Andreas Kaufmann und Sabrina Zwach

