BRIEF #122
Lieber A., Wir sind alle gleich, im selben Boot, mit denselben Ängsten und Sorgen ausgestattet. Wir gehen nur sehr verscheiden mit ihnen um.Deine S.

Lieber A.,
die Sonne zeigt sich nun immer häufiger und ich bin fast euphorisch, wenn ich die Knospen und ersten Blüten in der Natur entdecke.
Ja, es gibt einen Neuanfang, ja, es gibt Hoffnung, ja, es kann auch wieder schön und hell weitergehen!
Mit diesem euphorischen Gefühl bin ich vor ein paar Tagen über den Friedhof spaziert und habe die vielen Menschen gesehen, die die Gräber ihrer Liebsten pflegen oder besuchen. Da gibt es Menschen, die eifrig arbeiten, mit Gießkannen und Gartengerätschaften hantieren. Andere, die still umherwandern oder mit den Toten sprechen, während sie an einem Grab stehen. Die Trauer ist manchen frisch ins Gesicht geritzt, manchen eher zart auf die Stirn oder um die Augen geschrieben. Dazwischen spielen Kinder Fangen, unbefangen. Dazwischen sitzt ein sehr alter Mann auf einer Bank und denkt nach. Anscheinend seit Stunden. Unbeweglich.
Und ich dazwischen.
Und es hat mich beruhigt, mich versöhnlich gestimmt, denn ich wusste: Wir sind alle gleich, im selben Boot, mit denselben Ängsten und Sorgen ausgestattet. Wir gehen nur sehr verscheiden mit ihnen um.
Das versöhnt mich mit Vielem auf der Welt, das ich aktuell nicht verstehe, nicht hinnehmen kann.
Ich sehe aus dem Fenster und auch jetzt scheint die Sonne.
Und bei Dir?
Pass auf Dich auf!
deine
S.
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Ein fiktionalisierter Briefwechsel über den Tod und das Sterben von Andreas Kaufmann und Sabrina Zwach

