BRIEF #183
Liebe S., Dein A.

Liebe S.,
wir sind wieder da. Ich war mit meinen Mädchen in Portugal. So melancholisch und sonnig und freundlich und windig. Wir haben uns einen Camper gemietet und sind von Lissabon aus an der Küste entlang nordwärts gefahren. Von Tag zu Tag haben wir unsere Route neu ausgetüftelt.
Etwa auf halber Strecke nach Porto haben wir in Figueira da Foz Station gemacht. Keine große Stadt, vielleicht 10.000 Einwohner. Aber ein Campingplatz. Bis heute wissen wir nicht, was schiefgefahren ist, aber unser Navigationssystem hat uns nicht zu unserem erhofften Stellplatz, sondern direkt auf den großen Parkplatz vor dem mehr als großen Friedhof des Ortes geleitet. Die ummauerte Anlage liegt an einen Hang geschmiegt und überraschte uns auf den ersten Blick mit seiner überdimensionierten Stattlichkeit. Aber keine Menschenseelen und keine Autos waren zu sehen.
Da Fehlleitungen im Straßenverkehr bei unserer kleinen Reisegruppe zu plötzlicher Nervosität führen, machten wir uns gleich daran, unseren Schnitzer zu korrigieren und kamen schließlich nach weiteren 20 Minuten dorthin, wo wir schon immer hin wollten. Dort konnten wir über unseren Friedhofsabstecher nur noch schmunzeln.
Nun habe ich dieser Tage wieder an das große Gräbermeer ohne Besucher in Portugal gedacht. Nämlich als ich auf einen Bericht über den Nordfriedhof in Manila stieß. Denn dort, auf den Philippinen, findet sich ‚der lebendigste Friedhof der Welt’, wie der Artikel betitelt war.
In der Metropolregion um die philippinische Hauptstadt sollen etwas 25 Millionen Menschen leben. 3 Millionen davon müssen in Notunterkünften oder provisorischen Behausungen unterkommen.
Und so ist auch auf diesem besagten Friedhof eine Neighborhood entstanden. Bis zu 10.000 Menschen sollen dort zwischen den Gräbern und Mausoleen leben. Hier haben sie sich eingerichtet mit Ihren Habseligkeiten, haben Schlafstätten gebaut, betreiben Geschäfte und verbringen ihre Tage an einem Ort, der dafür eigentlich nicht vorgesehen ist.
Die Behörden werden der Lage nicht Herr, wohl nicht zuletzt, weil es an alternativen Lösungen fehlt. Also wird das Treiben seit langer Zeit geduldet. Mehr noch, Angehörige von Verstorbenen geben oft nicht nur ihr Einverständnis, sondern zahlen den Bewohnern nicht selten sogar einen kleinen Lohn für die Grablege.
Näher können Lebendige und Tote kaum beisammen sein. Und so wundert es nicht, dass eine Großmutter erzählt, dass die Gräber ein ordentlicher Spielplatz für die Enkelkinder seien.
Von Dingen, die wir uns nicht vorstellen können, erfahren wir durch Lesen. Oder auf Reisen. Wir fahren bald wieder mal los. Ganz bestimmt. Hauptsache mit offenen Augen.
Dein A.
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