BRIEF #174
Lieber A., Deine S.

Lieber A.,
von Zeit zu Zeit gehe ich über den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.
Ich war auf verschiedenen Beerdigungen Gast. Also verbinde ich sehr traurige Momente mit diesem sehr schönen Ort. Gleichzeitig ist der Friedhof ein Theater- und Kunstort sonders gleichen.
Auf dem 1762 angelegten Friedhof sind nämliche zahlreiche Theatergrößen und Künstler*innen begraben, teils mit prunkvollen Grabstätten, mit Skulpuren oder Objekten. Die Grabsteine lesen sich wie ein Who is Who der Künstler*innen und Denker*innen Deutschlands. Auf den verschiedenen Spaziergängen habe ich die Grabstätten von Friedrich Hegel und Johann Gottlieb Fichte, von Heinrich Mann, Helene Weigel, Bertolt Brecht, Arnold Zweig und Anna Seghers von Heiner Müller, Dimiter Gotscheff oder Ernst Theodor Litfaß entdeckt.
Ich sitze dann gerne auf der lilafarbenen Bank und denke ein wenig nach. Draußen, vor den Friedhofsmauern, dröhnt der Straßenverkehr und die Stadt, hier auf der Bank ist ein wenig Ruhe. Zuletzt habe ich den Grabstein von Eva und Adele entdeckt und schicke Dir ein Foto mit diesem Brief. Eva ist gestorben. Adeles Name steht schon auf dem Stein, fehlt nur noch Adele und ihr Sterbedatum. Ich habe mich gefragt, wie ich das wohl fände, wäre mein Stein schon aufgestellt? Da es ja eine Tatsache ist, dass ich sterben werde, ist die Bereitstellung des Grabs nur folgerichtig. Nichts dagegen einzuwenden.
Irgendwie gut sogar. Vielleicht beruhigend. Am Ende habe ich den Friedhof mit einem beschwingten Gefühl verlassen.
Ich hoffe, es geht Dir gut? Der Frühling könnte sich doch jetzt einmal zeigen, oder?
Pass auf dich auf!
Deine S.
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Briefe vom Anfang über das Ende
- Andreas Kaufmann
- Sabrina Zwach
- Luise Wilhelm
Ein fiktionalisierter Briefwechsel über den Tod und das Sterben von Andreas Kaufmann und Sabrina Zwach

