BRIEF #164
Liebe S., Wir sollten öfter lachen. Deine A.

Liebe S.,
ein Montagnachmittag im Februar. Wir kommen aus der Aussegnungshalle und stehen nun auf dem überschaubaren Friedhof. Warten am Grab bis wir der verstorbenen Tante einen letzten Gruß erweisen können.
Vor mir stehen meine beiden Mädchen. Die Wintersonne, die nur an manchen Tagen scheint, bringt ihre seidigen Haare zu strahlen. Die Luft ist kalt. Aber das Licht ist freundlich.
Ich betrachte sie von hinten. Beide stehen ruhig, die Blicke wohl zur offenen Grabstelle gerichtet.
Was durch diese Köpfe gehen mag, geht mir durch den Kopf. Wie sehen die Kinderaugen das Begräbnis? Und was denken die Mädchen über den Tod? Die beiden Kleinen, die immer größer werden und die tagtäglich das Leben für sich entdecken.
Ich erinnere mich daran, wie sie mit herzlicher Traurigkeit am Totenbett ihres Opas standen. Sie haben ihm die Hand gestreichelt und diesen Moment mit ihrer warmherzigen Neugier feierlich gemacht. Kinder verbinden das Gestern mit dem Morgen.
Und zusammen stehen wir im Jetzt. Wir treten nach vorne. Und verabschieden uns. Die Erinnerung wird bleiben. Und das Kinderlachen platzt bald wieder hervor.
Wir sollten öfter lachen.
Dein A.
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Ein fiktionalisierter Briefwechsel über den Tod und das Sterben von Andreas Kaufmann und Sabrina Zwach

