BRIEF #162
Liebe S., Die Hochzeit stand für das Leben. Aber am Ende ist es doch diese Trauerfeier, die alles zusammenhält. Dein A.

Liebe S.,
ich staune mich gerade durch alte Filme von Claude Chabrol.
Natürlich sind die allesamt sehr französisch, wie sollte es auch anders sein. Aber sie sind vor allem ‚früher‘. Oder täusche ich mich?
‚Der Schlachter‘ ist von 1968. Eine Serie von Mordfällen erschüttert ein kleines Dorf im Périgord. Die Kamera zeichnet ein Bild von diesem Mirkrokosmos mit seinen Menschen, die sich allesamt bekannt sind. Nur die Ermittler rasen mit lachhafter Hast von draußen herein vor das Rathaus.
Die Dorfschule, eine kleine Épicerie, natürlich die Schlachterei. Eine Welt für sich.
Wir platzen gleich zu Beginn in eine Hochzeit. Der Grundschullehrer heiratet ein Mädchen des Dorfes und alle feiern mit. Die Gäste freuen sich über das Festessen, natürlich darf der Schlachter das riesige Stück Fleisch tranchieren. Bald wird aus vollen Kehlen gesungen und ausgelassen getanzt. Und alle trinken und trinken und rauchen und rauchen. Wie in allen Geschichten von Chabrol. Und wie in allen Filmen jener Zeit.
Bald schon aber lebt die junge Braut nicht mehr. Die Polizei sucht den Mörder. Und das Dorf muss Abschied nehmen. Als Zuschauer wohnen wir der Beerdigung bei. In dem Moment, da der Holzsarg auf dem Kutschwagen platziert ist und sich das Pferd in Bewegung setzt, beginnt es zu regnen. Zu schütten. Der Himmel öffnet seine Pforten und alle Wolken der Welt scheinen sich über diesem kleinen Friedhof zu entleeren.
Eine Schildkrötenformation aus Regenschirmen warten vor dem offenen Grab. Das ganze Dorf ist gekommen. Einer nach der anderen kann nach vorne treten. Eine Hand voll nasser Erde, eine Bekreuzigung. Und schließlich ein wortloser Gruß dem Mann, der den Tod seine Frau zu beklagen hat. Die Männer per Handschlag, die Frauen mit einer Umarmung und Küssen.
Erst am nächsten Morgen kommt die Sonne wieder zum Vorschein. Und die Kirchenglocken läuten dazu. Die Hochzeit stand für das Leben. Aber am Ende ist es doch diese Trauerfeier, die alles zusammenhält.
Die Waffe, denkt der Inspektor laut auf dem Friedhof, scheint offenbar ein feststehendes Messer zu sein. Und das hat jeder hier auf dem Land.
Ganz gebannt,
Dein A.
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