BRIEF #160
Liebe S., Die Welt bleibt [auf dem Friedhof] außen vor. Diese Welt, von der Du in Deinem letzten Brief geschrieben hast. Dieses Treiben, für das uns bald die Worte fehlen. Dein A.

Liebe S.,
ein Friedhof im Winter ist ein Friedhof im Winter.
Die Luft so wunderbar kalt und frisch. Da das nackte Heckengehölz, hier die Häuflein trockenen Laubwerks. Der Schnee ist wieder weg. Aber der Winter ist ja noch lang.
Die Gräber sind kältefest gemacht, die Bepflanzungen resistent. Und die Wasserhähne sind abgestellt.
Es herrscht Ruhe, kaum jemand ist unterwegs. Bloß ein in sich gekehrter Mann mit Rucksack, der sich mit schwerem, angestrengtem Atem den Anstieg hinaufschiebt.
Die Welt bleibt außen vor. Diese Welt, von der Du in Deinem letzten Brief geschrieben hast. Dieses Treiben, für das uns bald die Worte fehlen.
Hier oben auf dem Friedhof denkst Du nurmehr an die ewigen Verbindungen, die sich spüren lassen. Und natürlich an die Endlichkeit. Das karge Winterbild gibt hierzu die treffendere Kulisse ab als jede andere Jahreszeit. Und in ganz besonderen Momenten denkst Du vielleicht sogar nichts.
Aber dann kann sich selbst der Friedhof nicht länger tot stellen. An der Kapelle werden Vorbereitungen getroffen. Um 11:00 Uhr ist eine Beerdigung angesetzt.
Auf dem Heimweg gönne ich mir beim Bäcker einen Amerikaner. Früher war eine Hälfte mit heller Glasur bestrichen und die andere mit dunkler Schokolade. Heute ist das süße Stück nur mehr weiß. Man kann sich wirklich auf gar nichts mehr verlassen.
Und nun ?
Dein A.
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