BRIEF #143
Lieber A., Ich lebe ja nur einmal, denke ich dann und das muss ja dann auch wirklich optimal gemacht sein, das Ganze, keine Probe, immer Premiere.Deine S.



Lieber A.,
aktuell denke ich darüber nach, wieviel ich im Leben wagen sollte, wieviel Rebellion und wogegen, ich an den Tag legen sollte. Ich lebe ja nur einmal, denke ich dann und das muss ja dann auch wirklich optimal gemacht sein, das Ganze, keine Probe, immer Premiere.
Prof. Dr. Timothy Leary, Drogenapostel der flower-power-Bewegung, ist mir wieder in den Sinn gekommen. Er war Rebell. Streitbarerer Wissenschaftler und eben Drogen-Guru bis zum Tod. Diesen inszenierte er im Internet. Das war schon sehr neu. Er ist 1996 gestorben.
Während die Leary-Gemeinde dem ersten interaktiven Freitod entgegenfieberte, machte sich der Protagonist Gedanken um die Zukunft seines Gehirns.
Der von Krankheit (Prostatakrebs) gezeichnete Körper diktierte den Termin, an dem sich Dr. Timothy Leary, 75, feierlich und guter Dinge via Internet aus dieser Welt verabschiedete. Seine Fans hatten ihm einen kurzen Besuch im Netz abgestattet, um das Happening des Todes nicht zu verschlafen. Die Adresse war immer dieselbe: http://www.leary.com
Die Adresse gibt es heute noch. Das Internet ist eben doch unsterblich.
Für Leary war das Internet das LSD des nächsten Jahrhunderts. Es biete alternative Wirklichkeiten, es reiße Grenzen ein, kreiere Visionen, sei überhaupt ein machtvoller Ort, um Utopien zu verwirklichen. Im Frühjahr 1997 erscheint im Harper Collins Verlag Learys letztes Buch: "The Ultimate Trip". Unter anderem beantwortet der Autor diese Fragen: Wo befindet sich das persönliche Bewußtsein? Was passiert mit dem persönlichen Bewußtsein, wenn die körperlichen Funktionen versagen? Wie kann man die Hardware des Gehirns eines Toten für eine Reanimation erhalten? Leary hat das Erscheinen seines Buches verpaßt. Es sei denn, sein Gehirn ist zu diesem Zeitpunkt bereits reanimiert. Leary starb am 31. Mai 1996 im Alter von 75 Jahren an Prostatakrebs. Am 21. April 1997 wurden sieben Gramm seiner Asche sowie die sterblichen Überreste von 24 weiteren Personen – darunter Gene Roddenberry (dem Schöpfer von Star Trek), Gerard Kitchen O’Neill (Weltraumphysiker) und Krafft Arnold Ehricke (Raketenentwickler) – mit einer Pegasus-XL-Trägerrakete vom Luftwaffenstützpunkt Gran Canaria, Spanien, zwecks Weltraumbestattung in den Weltraum geschossen.
Leary hat bis zuletzt das stets Neue gesucht.
Da bin ich doch ganz anders. Und viel weniger rebellisch.
Und Du?
Pass auf Dich auf!
Deine S.
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