BRIEF #113
Liebe S., Dein A.

Liebe S.,
ob der Tod sich anschicken mag, einzutreten, wenn Du an ihn denkst?
Das dürfte schwer festzumachen sein. Der Tod kommt, wenn er kommt.
Bestimmt kommt er näher, je intensiver einer an ihn denkt. Aber ob man mit seinen Gedanken – gut oder schlecht – drauf einwirken mag, dass der Tod bei einem Anderen vorbeischaut, dürfte schwer zu belegen sein. Das wäre auch etwas zu viel des Guten. Und würde allerlei Bösem Tür und Tor zum Jenseits öffnen. Am Ende ist die Frage recht irrelevant.
Denn jeder hat sich um sein eigenes Ableben zu kümmern. Keiner sonst ist für eines Anderen Ende zuständig. Aber solange die Erde sich dreht, wird es natürlich dennoch Übergriffe geben. Die Todesstrafe wird wohl mit dem Stichtag der gestrigen Inauguration des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten wieder rasant Konjunktur bekommen. Da ist Mord und Totschlag. Soldaten sollen in Kriegen metzeln. Und es gibt Menschen, die der bemitleidenswerte Teil eines Unglücks geworden sind, das Tote ausgespuckt hat.
Sicher kann man Schuld auf sich laden. Aber auch die wiegt ganz nach der eigen Sicht der Dinge. Manche fühlen nichts, für andere ist es kaum zu ertragen. Dazwischen wabert es gewaltig.
Ein jeder hat sich mit seinen Schuldgefühlen herumzuplagen und muss selbst mit seinen Träumen zurechtkommen. Und mit seinen verqueren Gedanken. Und mit seinen bösen Wünschen. Wer sich an anderen abarbeitet, sollte daran denken, dass er am Ende doch alles mit sich selbst auszumachen hat.
Natürlich denken wir an den Tod. Weil wir wissen, dass er uns ereilen wird. Dass er uns irgendwann totmachen wird. Und wir zurückbleiben als leblose Hülle Mensch, die in kürzester Zeit verhärtet und verwachst.
Alle Menschen leben vor sich hin, so gut sie können. Und irgendwann ist es rum. Von einer Sekunde auf die andere.
Mach Dir keine Gedanken.
In manchen Köpfen ist mehr los als in anderen.
Mach Dir Deine Gedanken.
Denk an Dich,
Dein A.
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Ein fiktionalisierter Briefwechsel über den Tod und das Sterben von Andreas Kaufmann und Sabrina Zwach

